Neue Pfarrkirche

Kirchbegehung und Vortrag zur Renovierung und Neugestaltung der Pfarrkirche St. Augustinus in Dahlbruch

Dem Glauben Raum und ein Zuhause geben

Einige Zitate vorweg:
1. SC 123: „Die Kirche hat niemals einen Stil als ihren eigenen betrachtet, sondern hat je nach Eigenart und Lebensbedingungen der Völker und nach den Erfordernissen der verschiedenen Riten die Sonderart eines jeden Zeitalter zugelassen und so im Laufe der Jahrhunderte einen Schatz zusammengetragen, der mit aller Sorge zu hüten ist. Auch die Kunst unserer Zeit und aller Völker und Länder soll in der Kirche Freiheit der Ausübung haben…“ (2. Vatikanisches Konzil: Konstitution über die heilige Liturgie)

2. Albert Gerhards: „Der Kirchenraum ist nicht bloß Objekt liturgischer Feier, sondern auch Subjekt: er spielt mit, er ist selber ‚Liturge’.“

3. Kardinal Meisner: „Der Kirchenraum prägt tief und unbewusst das Glaubensbewusstsein und so ist es eine ungeheure seelsorgerische Verantwortung, einen Kirchenraum zu gestalten.“

Vorbemerkungen

1. Unser Leben und Lebensgefühl heute
Unser Leben ist rasanten Veränderungen unterworfen, davon ist auch unser Lebensgefühl bestimmt: „Man kommt kaum noch mit, das verstehe ich nicht mehr“ u.ä. ist inzwischen oft zu hören, und nicht nur von älteren Leuten. Die Ökonomisierung des Lebens bedeutet, dass alles, was ich tue, vor allem unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit und der Rentabilität betrachtet wird: Was nützt mir das, welchen Gewinn habe ich davon. Wer Leben allerdings nur so betrachtet, dem gehen wichtige Aspekte menschlichen Zusammenlebens verloren: Solidarität, Gemeinschaft, Mitleid, Werte also, die jeder Wirtschaftlichkeit trotzen, aber für das Zusammenleben von Menschen unentbehrlich sind. Dieser Werteverlust, der heute an vielen Orten beklagt wird, ja der es sogar bis in die Sonntagsreden der Politik geschafft hat, ist tatsächlich ein sehr kritisch zu betrachtendes Zeitphänomen. Ich spreche außerdem sehr gerne von einer Fast-Food-Mentalität, und das im übrigen nicht nur mit Blick auf unsere Essgewohnheiten: Es ist scheinbar keine Zeit mehr da, alles muss sofort sein und geschehen. Selbst Beziehungen werden in dieser Mentalität gehandhabt: Aufreißen, verzehren, wegwerfen: Der Mitmensch wird zur Ware, der eigene Bedürfnisse kurzfristig befriedigt. Ein letztes: Wir fühlen uns zerrissen zwischen den Ansprüchen, die an uns herangetragen werden, zwischen den Rollen zerrieben, die wir ausfüllen müssen: Und es werden nicht weniger, sondern mehr.

2. Bedeutung von Räumen
Wir lernen, oder wir sind dabei zu lernen, was Räume bedeuten: Sie sind eben nicht nur schützende Hülle. Ein zuhause ist mehr, ist Ort, um sich einzufinden. Räume sind verschieden, so verschieden wie die Zwecke, für die sie errichtet sind. Räume sind aber nicht nur Funktion, sie tragen mit zu Befinden, Stimmung und Qualität des dort Ausgeübten bei: Der Eispalast in Heerenveen, das Gerry-Weber-Stadion im ostwestfälischen Halle oder die Köln-Arena sind für mich Beispiele, wo gelungene Räume die dort ausgeübten Veranstaltungen geradezu zum Klingen bringen.

Gute Räume sind Orte, die für sich und aus sich sprechen: Sie sprechen durch sich für das Ereignis.

Eine Kirche als Ort der Gottesbegegnung, der Gottesfeier, des Gottesgesprächs bietet nicht nur den Versammlungsort (das sprichwörtliche „Dach über dem Kopf“), sondern spricht im Idealfall durch sich selbst, durch seine Form, seine Gestaltung, von dem, was dort geschehen soll: Kirche als Raum spricht von Gott: das meint mystisch. Nur deshalb können wir Kirche auch Haus Gottes nennen.

Umgekehrt ist jede Form, jede Gestaltung, jede Ausstattung fehl am Platz, die diese „Sprache“ verhüllt oder verschleiert, im schlechtesten Fall gar verfälscht.

3. Ein weiterer Gedanke: Glaube heute
Unseren Glauben heute erleben wir vielfach angefragt und herausgefordert: Er ist schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern vielfach gebrochen. Dazu gibt es eine große Unsicherheit auch in konkreten Glaubensfragen, zum Teil große Unkenntnis. Die Beobachtung zeigt, dass in dieser Situation immer mehr zu dem klaren, einfachen, verständlichen wollen, zu dem, was ihnen Heimat bietet, was ihnen vertraut ist, wo sie sich auskennen: auch im Glauben, denn nur das scheint Sicherheit zu garantieren. Das Stichwort dazu lautet: Einheitlichkeit. Manch einer meint, das im Zurück zu einer alten Liturgie zu gewinnen: Ich glaube, dass dieser Sprung zu kurz ist. Der Blick darf, ja er muss zu den Anfängen gehen: Ein Tisch, die Versammlung der Glaubenden, die Verkündigung des Wortes, die Taufe als Eintritt ins neue Leben:
Liturgie in diesem Zusammenhang meint dann: In der Liturgie den Himmel (d.h. Gottes Erfahrung) feiern, ihn auf die Erde holen, die erfahrene Zwiespältigkeit des Lebens überwinden: der Himmel auf Erden, die Erde wächst in den Himmel. Gott selbst ist in der Feier als Greifbarer und gleichzeitig ungreifbarer da: Im Brot, im Wort, im Heiligen Geist. Liturgie nimmt uns mit nach oben, erschließt uns Gott, den Himmel.

All das können wir nun zusammenfassen: Leben, Glauben, Raum müssen in Einklang gebracht werden; dann spiegelt der Raum Lebens- und Glaubenserfahrungen wieder, aber er bleibt nicht dabei stehen: er fügt zusammen und vor allem: er transzendiert, ermöglicht, wenn auch gebrochen, den Blick in den Himmel: Dann erst ist es wirklich ein sakraler/heiliger Raum


Die künstlerische Idee: das Projekt

Gestaltung, Malerei und Anordnung in der neu gestalteten Kirche: Der Einklang der Formsprache wird zum Heilserleben, zum Heilsbild

a) Der Kreis: Er ist Symbol der Ganzheit, der Einheit (Taufbecken)

b) Das Kreuz: Zwei Linien, die Menschen miteinander (waagerecht) und mit Gott (senkrecht) verbinden. Der Mensch kann nicht nur bei sich bleiben, er weiß um die andere Dimension des Lebens. Das Kreuz ist das Zeichen des Heils, weil es für uns Christen zum Zeichen des Lebens geworden ist: in Tod und Auferstehung Christi ist nach biblischem Zeugnis und unserem Glauben beides zusammengebunden.

c) Das Quadrat: Es ist das Symbol der Vollkommenheit, in ihm ist die Zahl vier als heilige Zahl angelegt und offensichtlich, aus der Zahl vier ergeben sich (auch biblisch) viele andere Zahlen.

Diese angesprochenen Formen finden sich: als Kreis, Kreuz oder Quadrat in den Prinzipalstücken, z.T. gebrochen in Winkeln, kehren wieder in der Eingangstür und im Gitter: Die Kirche selbst wird in ihrer Kreuzform deutlich: Sie wird zum Ausgangspunkt der Überlegungen.

1. Altar
Der Altar setzt sich zusammen aus zwei winkligen Elementen die zu einem Ganzen zusammengefügt sind (Dualität und Einheit). Der rote Stein ist der Sandstein aus dem alten Altar, der graue Stein ist Muschelkalk. Dabei umschließen diese beiden Elemente, die den Altar nach allen 6 Seiten öffnen, ein Kreuz als Luftraum. Dieses Kreuz materialisiert sich im Glaskreuz, das über dem Altar aufgehängt ist (Es würde exakt in den Altar eingefügt werden können). Dabei bildet der Altar in sich einen Kubus und reflektiert damit die Zahl vier der Vollkommenheit.

So wird der Altar zu einem Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde: Er steht fest verwurzelt auf der Erde, wir feiern auf ihm die Liturgie der Erde, und dennoch in ihm schon den Himmel und das Heil im Zeichen des Kreuzes: Und diesen Himmel im Zeichen des Kreuzes können wir über uns sehen.

Unter den Altar eingelassen ist der Reliquienschrein mit den Reliquien des heiligen Augustinus, des heiligen Fabian und des heiligen Sebastian: Durch die Glasplatte in der Mitte des Altares ist er weiterhin sichtbar.

2. Ambo
Die Dualität kehrt auch bei ihm wieder, auch er ist aus zwei winkligen Elementen aus den selben Materialien wie der Altar zusammengefügt: Die große Platte als Ort der Verkündigung nimmt die Tischplatte des Altares wieder auf: Hier wie dort der helle Jurastein.

Deutlich wird so in Altar wie Ambo der doppelte Tisch: Brot und Wort vom Himmel.

Die Platte obenauf ist im übrigen drehbar: So kann der Ambo auch allein für das südliche Seitenschiff gebraucht werden, vor allem bei Werktagsgottesdiensten.

 

 

 

 

 

3. Tabernakel
Auch in ihm finden wir die gleiche Dualität: Der Sockel aus Muschelkalk, die Stele aus dem roten Altarsandstein, darauf die gleiche Platte wie bei Altar und Ambo.

Die Türen des Tabernakels erschließen sein Geheimnis und das Heil, das sich in ihm verbirgt:

a) Die erste Tür links: „Ein Brot ist es, darum sind wir viele ein Leib“ (1: Korintherbrief)

b) Die zweite Tür rechts: Wir sehen zerbrochene Stücke wie einzelne Brotstücke

Das zusammengenommen heißt: Das Geheimnis der Eucharistie bleibt nicht stehen bei der Wandlung der Gaben, es nimmt uns (als Gemeinde, als Volk Gottes, als „Leib Christi“) mit hinein, wir sind selbst wie die zerbrochenen Stücke, die geheilt und zusammengefügt werden zu einem Leib; hier kommt die Idee, die Zwiespältigkeit unseres Lebens zu heilen, zum Höhepunkt und Ausdruck. Die Gabe dafür ist die Eucharistie.

4. Taufbecken
Auch hier kehrt die Dualität in der Stele wieder, die eigentliche Taufschale ist aus dem gleichen bekannten hellen Stein. Die Stele selbst wirkt wie zwei Arme, zwei Hände, die tragen. Sie tragen den eigentlichen Taufbrunnen, der wie eine geöffnete halbe Kugel gestaltet ist. Dabei erinnert die kreisrunde Form an den Anfang, an die Schöpfung: In der Taufe sind wir neu geschaffen, von ihm sind wir getragen, das gilt als Zusage von seiten Gottes von Anfang an.

Vorgesehen ist noch eine Glasschale, in die das Wasser gegeben wird: Aus klarem, ungeschliffenen Glas gibt sie den Blick frei auf die roh behauene Vertiefung im Taufbrunnen, die selber noch einmal wie ein Schöpfungsakt wirkt.

5. Chorwand
Die Malerei der Chorwand bündelt alles: Sie verweist auf Himmel und Erde. Dabei handelt es sich um offene Malerei, d.h. sie ist selbst deutungsoffen: Damit ist Raum und Möglichkeit für den Betrachter gegeben, sich selbst mit dieser Malerei auseinanderzusetzen. In der Deutung gibt es kein richtig oder falsch: Richtig und wahr ist das, was der Betrachter selbst erkennt. Genannt wurden: Himmel, Wasser, Wolken, Regen, Taube, Sonnenstrahlen. Rein technisch nimmt die Malerei die Farben des Kreuzesmosaiks aus dem südlichen Seitenschiff auf. Irritation haben immer wieder die gemalten Felder am rechten Bildrand hervorgerufen: Sie geben der Malerei selbst einen räumlichen Kontext: Die Winkelform, die wir nun vor allem von den Prinzipalstücken kennen, kehrt damit wieder. Die grauen Felder wirken zudem wie Toröffnungen, durch die man hindurchgehen kann. Sie machen aufmerksam auf die Malerei und die Winkelform, sie erregen bewusst Aufsehen und Anstoß, der Betrachter ist gezwungen, näher hinzuschauen. Die Malerei selbst öffnet die Wand, ein Raum entsteht, der auf das Geheimnis verweist, auf den Himmel: So wird die Malerei zu einem mystischen Bild, das uns mitnimmt in die göttliche Sphäre.

So fügt die künstlerische Gesamtidee zusammen, was wir an zerbrochenen und zerbrechlichem hierhin bringen.

So öffnet sich der Himmel, so wird die irdische Liturgie zum Spiel des Himmels, bricht das göttliche in unsere Welt ein: So bezeichnen Raum und Liturgie dasselbe, in Raum und Feier bekennen wir diesen Gott, der der Gott für uns ist, dem wir begegnen, dem wir uns anvertrauen dürfen, der den Himmel für uns aufschließt.

Hilchenbach, im März 2007
Martin Assauer, Pfarrer