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Am Mittwoch, 13. Februar 2008, wird der traditionell am Aschermittwoch jeden Jahres beginnende Veranstaltungszyklus mit „Überlegungen zum christlich-islamischen Dialog“, die die Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohaghegi von der Universität-Gesamthochschule Paderborn darlegen wird. Wenn Sie die Texte dieser Seite komplett herunterladen wollen um sie in Ruhe zu lesen, klicken Sie hier... Lesen Sie hier zum Thema sowie einen offenen Brief von 138 muslimischen Theologen an Papst Benedikt XVI. und an die ganze Christenheit. Sie können direkt dorthin springen, wenn Sie hier klicken. Das Material wurde freundlicherweise zur Veröffentlichung im Internet von Hamideh Mohaghegi zur Verfügung gestellt.
Auf das Friede werde! Zum konstruktiven Dialog zwischen Konfessionen und Religionen
Überlegungen zum christlich-islamischen Dialog
Hamideh Mohagheghi
Ich habe in meinem Heimatland Iran mit Juden und Christen in der Nachbarschaft gelebt. Es gab keine Gespräche über die Religion und keinen Dialog, keine gemeinsamen Gebete, und wir haben keine religiösen Feste gemeinsam gefeiert. Wir teilten als Nachbarn, als Freunde, als Menschen unsere Freude und unsere Not miteinander; dabei spielte die Religionszugehörigkeit kaum eine Rolle. Für mich war es daher befremdlich, als ich in Deutschland lernen musste, erst miteinander reden zu müssen, um miteinander leben zu können, Dialog zu führen und versuchen zu verstehen, warum der andere/die andere so lebt und so ist wie er/sie lebt und ist.
Ich bin inzwischen daran gewöhnt und stimme zu, dass der Dialog für unser Zusammenleben in Deutschland erforderlich ist. Er ist der einzige Weg, die Missverständnisse und Ängste zu überwinden, darüber hinaus ermöglicht er, die eigene Religion kritisch zu betrachten, wenn man bereit ist, im Spiegel der Kritik an andere auch sich selbst zu sehen.
Die Begegnung zwischen Christentum und Islam ist geprägt von friedlichem Zusammenleben, konstruktivem Zusammenwirken im Bereich Philosophie und Wissenschaft sowie von Konflikten und kriegerischen Auseinadersetzungen.
Diese Ambivalenz hat im Lauf der Geschichte Spuren hinterlassen, die in den heutigen Begegnungen immer wieder durchdringen. Die unverarbeiteten „Altlasten“ vermengen sich mit den aktuellen weltpolitischen Gegebenheiten, die mit Enttäuschungen, Misstrauen und Feindseligkeiten einhergehen.
Die Religion ist ein wichtiger Teil der Kultur und Identität der Völker. Wenn sie auch heute nicht mehr für viele Menschen der eigentliche Bestimmungsfaktor des Lebens ist, scheint sie paradoxerweise ein wichtiger Bestandteil des Lebens zu sein, wenn Konflikte entstehen.
Viele Konflikte entstehen auf dem Wege zur Erreichung von Herrschaft, Macht und Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Menschen manipuliert werden, und gleichzeitig brauchen sie ein Gefühl der Stärke und des Identitätsbewusstseins. In solchen Situationen werden oft die Religionen, die als Identitätsfaktor dienen, Halt, Orientierung und Ordnung geben, instrumentalisiert und missbraucht.
Die Religion kann nicht außerhalb der menschlichen Gedanken und Ideen sowie Handlungen leben. Es sind Menschen, die durch ihren Glauben und ihre Lebensweise eine Religion reflektieren. Die Religionen geben den Menschen eine Orientierung durch Offenbarungen, Philosophien oder Weisheiten. Letztendlich sind es die Menschen, die die Lehre interpretieren, formen und ausleben. Die unterschiedlichen Religionen und Lebensweisen können sich gegenseitig öffnen und ein Raum des gegenseitigen Kennen Lernens schaffen, wenn deren Anhänger sich nicht aus dem Weg gehen, sondern bereit sind, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu begegnen.
Diese Bereitschaft zur Begegnung ist meines Erachtens in unserer Zeit der einzige erste Schritt zum friedlichen Zusammenleben, dem die Akzeptanz und der Respekt folgen sollten.
Gespräch und gegenseitiges Kennen lernen ist dort und dann notwendig, wenn die Anhänger der Religionen und Kulturen dicht nebeneinander leben. Historisch gibt es viele Beispiele, die Zeugen dafür sind, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist, wenn die sozialen und politischen Umstände dieses zuließen.
In einem Dialog ist selbstverständlich, dass Fragen gestellt werden, auch kritische, um besser verstehen zu können. Sensibilität und Einfühlsamkeit sind Maxime eines Dialoges, der zur Annäherung führen soll. Sind die Fragen nur Verurteilungen und Affront, kann man davon ausgehen, dass in den meisten Fällen am Ende ein emotionales Durcheinanderreden und eine weitere Kluft und Fremdheit die Folge sind.
Die Kluft zwischen Religionen und Kulturen wird in der letzten Zeit besonders betont; es gibt gezieltes Streben, die Religion für den Unfrieden auf der Welt zu verantworten. Dass die Religionen in ihrem Wesen nicht mit einander in Frieden leben können, ist die Meinung, die durch die Berichte über die Konflikte gebildet und untermauert wird. Dabei werden die wahren Ursachen ausgeblendet und die positiven Erfahrungen im Zusammenwirken der Religionen kaum gewürdigt.
Von den Früchten der Kooperation und friedlichen Interaktion der Religionen profitieren die Menschen bis heute. Der Dialog zwischen Religionen ist nicht eine Erfindung der neuen Zeit, er ist längst eine gelebte Tradition, die wieder sorgfältig gepflegt werden müsste.
Es gibt einige Verse im Qur`an, die die Grundlagen für den Dialog zum Zweck der Annäherung und Verständigung, des Erkennens der gemeinsamen Werten sind. Diese Stellen sind im Qur`an in Sure 49 Vers 13, Sure 5 Vers 48 und Sure 3 Vers 64 zu lesen. Inhaltlich stellen sie dar, dass die unterschiedlichen Lebenswege in der göttlichen Bestimmung eingebettet sind. Die Menschen werden aufgefordert, diese Unterschiede nicht als Streit und Kampf um die Wahrheitsfrage zu sehen, sondern als eine Möglichkeit, auf unterschiedlichen Wegen „miteinander in guten Taten zu wetteifern“ (Sure 5:48). Das gegenseitige Kennen lernen und Respektieren wird als Zweck der Erschaffung der verschiedenen Völker und Stämme bezeichnet (Sure 49:13). Der Glaube an einen einzigen Gott als Schöpfer und Erhalter der Schöpfung wird als verbindende Kraft dargelegt, die die Menschen in Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit stärkt und ihnen ermöglicht, sich gegenseitig zu stützen. Ein Glaube, der nicht nur ein verbales Bekenntnis ist, sondern im Handeln und Wirken eingreift und den Menschen zu einem gewissenhaften Leben verpflichtet. Ein Leben geprägt durch Verantwortung vor Gott und Schöpfung, Respekt für die Geschöpfe Gottes und Einsatz für den Erhalt und Entfaltung dieser Schöpfung.
Die Grundsatzverse für den Dialoge sind:
„Und debattiert nicht mit dem Volk der Schrift, es sei denn auf die beste Art und Weise. Ausgenommen davon sind jene, die ungerecht tun.“ Sure 29:46
Und sprecht:“ Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und was zu euch herabgesandt wurde; und unser Gott und euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben.“ Sure 3:64
Aus diesen zwei Versen ist zu entnehmen, dass der Glaube an den einen und den selben Gott die wichtigste Basis der monotheistischen Religionen ist. Diese Haltung entwickelte sich zu einem Prinzip, das die Grundlage des Verhältnisses der Muslime zu Nichtmuslimen bilden sollte.
In Sure 16, Vers 125 heißt es, dass der Aufruf zum Weg Gottes mit Weisheit und schöner Ermahnung geschehen und in den Debatten und Streitgesprächen die beste Art gewählt werden sollte. Für „die beste Art“ in diesem Vers steht das arabische Wort „ahsan“. Dieses Wort bedeutet Billigkeit, Angemessenheit, Mildtätigkeit, Freundlichkeit und Schönheit. In den Gesprächen muss man sich in diesem Rahmen bewegen, damit die Grenze der gegenseitigen Achtung und Güte nicht überschritten wird.
Die Menschen können sich gegenseitig Stütze und Hilfe sein, den richtigen Weg zur Gestaltung des Lebens zu finden, dabei muss die Freiheit der Entscheidung des Einzelnen gewährleistet sein.
Toleranz und Respekt unter den Menschen hat es nicht immer gegeben, wie uns die Geschichte leider lehrt. Die Religionen kamen in Verruf, als Ursprung von Unheil und Grausamkeiten zu gelten, weil manche ihrer Anhänger sie instrumentalisiert und für die eigenen Interessen missbraucht haben. Auseinandersetzungen und unmenschlicher Umgang mit Andersgläubigen im Namen der Religionen, die die guten Beziehungen und das friedliche Zusammenleben überschatten, sind bis zum heutigen Tage aktuell und gehören leider zu unseren alltäglichen Erfahrungen. In den Offenbarungsbüchern gibt es Aussagen, die diese Verhaltensweise rechtfertigen können, wenn sie nicht in ihrem historischen Kontext gelesen werden. Der äußerliche Wortlaut eines Textes, der in einem anderen historischen Kontext und anderen Lebensrealitäten entstanden ist, kann nicht ohne Rücksicht auf veränderte Lebenswirklichkeiten übernommen werden.
Der Dialog ist die Bereitschaft, aus der eigenen Welt in die Welt der anderen einzutreten, um die neuen Horizonte zu entdecken und sich weiter entwickeln und entfalten zu können. Die Fremdheit der anderen mag zuerst für Unsicherheit und Irritation sorgen und Ängste hervorheben, darunter auch die Angst, in der fremden Welt die eigene Identifikation zu verlieren und darin unterzugehen. Die fundamentalen Kenntnisse über die eigene Welt und die feste Überzeugung vom eigenen Glauben sind notwendig, um die Gewissheit zu haben, in den unsicheren Momenten sich in die vertraute Welt zurückziehen zu können. Im Dialog ist dieser Schutzraum erforderlich, denn die Momente der Verzweiflung und Entmutigung sorgen gelegentlich für Ungewissheit, Skepsis und Argwohn.
Jede Begegnung ist eine Bereicherung, die die Standhaftigkeit im eigenen Glauben bewirken kann. Der konstruktive Dialog ist geprägt von Anerkennung und Respekt sowie sachlicher und redlicher Kritik, die nicht aus einer Überlegenheitshaltung und Überheblichkeit hervorgeht, sondern um die Sorge um die Pervertierung der Religion und Beeinträchtigung des friedlichen Zusammenlebens geführt wird. Die Kritik an anderen und Selbstkritik muss die gemeinsame Haltung, kooperative und praktische Schritte für die Belange der Menschen ermöglichen.
Der Dialog ist eine Entdeckungsreise in die fremden Welten, damit die Fremdheit zu Vertrautheit wird. Durch gegenseitiges Kennen lernen wird bewusst, dass die Menschen trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswege gemeinsame Interessen und Ziele haben, für deren Verwirklichung sie einander brauchen. Hierzu müssen die Dialogpartner bereit sein zuzuhören und sich bemühen, die anderen in ihrem eigenen Selbstverständnis zu verstehen. Das ist eine Erschwernis im Dialog, deren Überwindung die Relativierung oder gar Aufgabe der eigenen Vorkenntnisse, von deren Wahrheit und Richtigkeit man im Allgemeinen überzeugt ist, bedeuten kann.
Zwischen den Anhängern der Religionen gibt es erfahrungsgemäß ein Wettstreit, wer die richtige Lehre vertritt oder in Besitz der alleinigen Wahrheit ist. Aus diesem Grund ist die Versuchung groß, der Schattenseite der anderen besonderes Gewicht zu geben, während aus der eigenen Religion nur die positiven Aspekte betont werden. Die Ausblendung der jeweiligen religiösen Entartungen ist Ignoranz gegenüber einem Teil der Wirklichkeit, der zur Religionen gehört und im Laufe der Geschichte viel Unheil verursacht hat.
Für den theologischen Dialog und die Gespräche über den Glauben ist die Sprache ein wichtiger Aspekt; eine Sprache, die die fachliche Begrifflichkeiten beherrscht. Im christlich-islamischen Dialog gibt es diesbezüglich eine Asymmetrie. Die fehlenden Deutschkenntnisse bei den muslimischen Theologen und Fachpersonen verursachen Missverständnisse und falsche Deutungen, die lange Diskussionen bedürfen und doch nicht ganz geklärt werden können. Daher stelle ich die theologische Diskussion als eine notwendige und erforderliche Grundlage für das Zusammenleben eher in Frage. Mit einem Beispiel möchte ich meine Bedenken konkretisieren: Es ist bekannt, dass die Gottesfrage immer wieder für Diskussionen sorgt. Es gibt eine beachtliche Zahl der christlichen Theologen, die die Meinung vertreten, dass Gott im Christentum der nahstehende und liebende Gott und der Gott im Islam der transzendente, ferne und strafende Gott sei. Daher sehen sie kaum Möglichkeiten für gemeinsame Gebete, weil man sich nicht dem gleichen Gott zuwendet. Die meisten muslimischen Theologen haben mit der Lehre im Christentum, Jesus als Gott und Mensch zugleich wahrzunehmen, große Schwierigkeiten. Sie sehen, dass die Christen nicht zu Gott, sondern zu Jesus beten, der in der islamischen Lehre ein auserwählter Mensch, ein Gesandter Gottes ist. Es scheint mir schwierig zu sein, diese unterschiedlichen Sichtweisen, die in der jeweiligen Wahrnehmung und Theologie eingebettet sind, zu überwinden, ohne das Gefühl zu haben, den eigenen Glauben zu relativieren. Aus diesem Grund kann dieser Dialog sich in einen Monolog verwandeln, in dem jeder nur damit beschäftigt ist zu beweisen, dass sein Gott besser als der Gott der anderen ist, folglich der Mensch, der den „besseren Gott“ anbetet, selbst besser ist als die anderen. Derartige Eigenwahrnehmungen haben zu Folge, dass man sich selbst sieht und die anderen mit ihren Sorgen und Bedürfnisse aus den Augen verliert, und genau zur Überwindung dieser Haltung hat Gott Auserwählte gesandt, um die Menschen zu warnen und zu leiten. Gott fordert in allen Religionen die Menschen auf, in Demut auf andere zu achten, sich mit ihnen solidarisch zu verbinden und sie zu unterstützen, dabei ist es unwesentlich, ob und welcher Zugang diese Menschen zu Gott pflegen.
Ein gelungenes Zusammenleben in einer pluralischen Gesellschaft lässt jedem Raum, sich zu entfalten, seine Eigenheit zu bewahren, ohne einseitig zu werden. Das Ziel des Dialogs ist nicht die Vereinheitlichung der Lebensweisen, sondern in Vielfalt für eine Einheit stehen, die auf gemeinsame menschliche Werte basiert ist.
Zwischen Christen und Muslimen gibt es seit längerer Zeit Arbeits- und Gesprächskreise, die zum Teil sich von einem pragmatischen Dialog zum theologischen und theoretischen Dialog entwickelt haben. Einige Kirchen haben ihre Tore für die Muslime geöffnet, als diese keine Räume für ihre Gemeinschaftsgebete und Feste hatten. Am Anfang gab es seitens der Muslime wenig Diskussionen, ob die Muslime in der Kirche ihre Gebete verrichten und ihre Feste feiern können, und seitens der Kirchen gab es wenig Bedenken, ob die muslimischen Gebete und Feste in einer Kirche abgehalten werden können. Es scheint, dass erst in den letzten Jahren der theoretische und theologische Dialog den Pragmatismus ersetzt haben.
Die schwierigste Bedingung für einen Dialog ist die Distanzierung von dem Beharren, in Besitz der einzigen und exklusiven Wahrheit zu sein. Wenn einer der Dialogpartner der Meinung ist, dass nur sein eigener Glauben allein die Seeligkeit für die Menschen bringt, stuft er den anderen von vornherein in eine tiefere und niedere Ebene ein. Die Vorstellung, dass nur die Anhänger einer einzigen nämlich der eigenen Religion die Liebe und Barmherzigkeit Gottes verdienen, ist eine naive Beschränkung der nicht beschreibbaren und unendlichen Eigenschaften Gottes. Diese Haltung verhindert den kritischen Umgang mit den Schwächen und Fehlentwicklungen des eigenen Glaubens. Dies führt dazu, dass man nur das Positive bei sich hervorhebt und bei dem anderen nur das Negative sieht.
Ein wichtiger Punkt für einen sinnvollen Dialog ist die gegenseitige Akzeptanz. Jeder hat den anderen in seiner Religiosität und seiner Glaubensüberzeugung, die in seinem Selbstverständnis begründet ist zuerst zu akzeptieren und zu respektieren. Ich benutze bewusst nicht das Wort „Tolerieren“, denn Toleranz im Sinne des Duldens beinhaltet eine gewisse Überheblichkeit. Toleranz kann die Überzeugung in sich verbergen, dass der andere sowieso auf dem falschen Weg ist und man ihn nur aus Großzügigkeit existieren lässt. Akzeptanz aber ist die Anerkennung des Gesprächspartners in seiner vollen Identität.
Die Religionen haben wertvolle Weisheiten, die Wegweiser für ein gewaltfreies und friedvolles Leben sind. Unsere Aufgabe liegt darin, aus den Quellen der Religionen Grundprinzipien herauszuarbeiten, die uns ermöglichen, unsere Einheit in der Schöpfung mit der Vielfalt der Lebensweisen in Übereinstimmung zu bringen und gemeinsame Wege zu erarbeiten, ohne uns selbst zu leugnen.
Die willkürliche Teilung der Welt in „Gut“ und „Böse“ und der Menschen in „zivilisiert“ und „barbarisch“ sorgt für eine Kluft zwischen Menschen und Gesellschaften. In einer Welt, in der mehr als 80% der Menschen in Armut und Aussichtslosigkeit und der Rest von ca. 20% verschwenderisch und überheblich lebt, sollten besonders die Anhänger der Religionen ihre menschlichen, sozialen und solidarischen Aufgaben ernst nehmen.
Es ist mehr denn je notwendig, mit einander nach gemeinsamen Wegen zu suchen, die uns ermöglichen, das Potential der Religionen für die Lösung der Konflikte und Herstellung des Friedens in den Vordergrund zu bringen. Unsere Begegnungen müssen dazu führen, dass wir die gemeinsame Verantwortung gegenüber Schöpfer und Schöpfung bewusster wahrnehmen und uns gegenseitig für die Erreichung dieser Ziele unterstützen. Es reicht nicht aus, über die theologischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu diskutieren; längst ist es Zeit zum gemeinsamen Handeln. Gegenseitige Akzeptanz, Respekt, Zusammenarbeit und Unterstützung ist gefragt und nicht nur das gegenseitige „ sich lieb haben“. Begegnung und Austausch in einer kulturell und religiös pluralen Gesellschaft gelingt am besten, wenn man sich für gemeinsame menschliche Anliegen einsetzt. Solche Begegnungen sind nicht folgenlose und wirklichkeitsferne Gespräche, sondern Dialoge des Handelns. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für diese Art von „Miteinander“ ist es, einen Ausgleich in den realen Lebensverhältnissen zu schaffen. Denn sonst können sich die Verzweifelung und Enttäuschung in Aggressionen verwandeln, die sich schnell gegen andere Ethnien, Kulturen und Religionen richten können.
Der Dialog mit dem Islam ist z.Zt. mit Skepsis und Unbehagen begleitet, weil aufgrund der weltpolitischen Lage der Islam als die Religion wahrgenommen wird, die für Instabilität und Unfrieden auf der Welt verantwortlich ist. Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam entschieden gegen jegliche Form von Extremismus und Fanatismus anzutreten, insbesondere wenn eine religiöse Rechtfertigung vorgegeben wird. Dies ist ein Problem unserer Zeit und nicht nur des Islam. Es ist aber nicht förderlich, stets die Religion auf die Anklagebank zu setzen, ohne dabei die Verantwortlichkeit des Menschen und die wahren Gründe der Krisen zu benennen.
Ein zukunftweisender Dialog ist der Dialog des Handelns, der Teilhabe. In unseren Traditionen gibt es genug Beispiele, die uns Mut machen können, uns gemeinsam auf den Weg zu einer besseren Zukunft zu begeben. Die Geschichten im Qur`an und in der Bibel sind ermutigende Beispiele, die Hindernisse zu überwinden. Die ethischen Werte sind nicht spezifisch muslimisch oder christlich, sondern menschlich. Es gibt eine Reihe ethischer Grundlagen, die für uns als Menschen verbindlich und in den jeweiligen Quellen zu finden sind: Respekt vor Leben, Achtung der anderen, Sorgfalt im Umgang mit der Schöpfung, soziales Engagement, bewusste Wahrnehmung der Notleidenden und die Bemühung, ihre Lage zu bessern, Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden – dies sind grundsätzliche Aussagen sowohl der christlichen als auch der islamischen Lehre, sind u. a. gemeinsame Aufgaben.
Die Basis jeder Begegnung ist Vertrauen, wenn das Vertrauen fehlt, können alle Gespräche in eine Sackgasse führen, die am Ende eine Verdichtung der Missverständnisse ergibt.
Es liegt an uns, unser Zusammenleben als Chance und Hoffnung für eine bessere Welt oder als eine Bedrohung zu sehen, die nur destruktives bewirken kann. Und es liegt an uns, mit Vertrauen und Mut aufzubrechen und uns für einander und mit einander auf den Weg zu begeben, damit die späteren Generationen Gott dafür danken, dass wir unsere Aufgabe gemeinsam erfüllt haben.
Obwohl der Dialog keine neue Idee ist, müssen wir immer wieder überprüfen, auf welcher Stufe wir stehen und was für uns heute als Grundlage für einen Dialog notwendig ist, der das Verständnis für einander und das Zusammenleben erleichtern kann.
Der Dialog muss uns dahin führen, die Ängste vor Fremdheit zu überwinden, hierzu können die einfachen täglichen Begegnungen dienlich sein. Bei einer Tasse Tee erfährt man viel mehr über die Mentalität und Lebensgewohnheiten des anderen als bei langen und geplanten theologischen Diskussionen. Aus Nachbarschaft kann Freundschaft werden, wenn man beim Nachbar klingelt, nicht um sich über den nächtlichen Lärm zu beschweren, sondern ihn an einem sonnigen Tag zu fragen, ob er Zeit und Lust hat, eine Tasse Tee oder Kaffe mitzutrinken.
Der Dialog verändert allmählich die Dialogbeteiligten. Man wird offen für den Glauben der anderen und gewisser und fester im eigenen Glauben. Ein Dialog, der keine Veränderungen mit sich bringt, ist kein wirklicher Dialog, sondern ein Monolog im Beisein der anderen.
Günther Orth schreibt in einem Aufsatz zum Thema „Mit Krisen umgehen- Lehren aus den Anfangsjahren des Dialogs“: „Ich habe mich durch den Dialog verändert <nicht nur ich>. Das war kein spektakulärer Umbruch, sondern eine allmähliche, leise Veränderung. Ich denke, dass muss so sein. Wer im Dialog der bleibt, der er vorher war, hat keinen wirklichen Dialog erlebt. ER hat nur einen Monolog zu zweit gehalten. ER hat die Dinge nur mit seinen eigenen Augen gesehen, nicht mit den Augen des Partners.“ Ein gelungener Dialog muss langfristig konstruktive Änderungen bei den Dialogpartnern und ein gesamtgesellschaftliches Umdenken verzeichnen können.
Das Ziel des Dialoges ist nicht die beliebige Symbiose der Religionen und Relativierung der eigenen Religiosität, sondern die Anerkennung der unzähligen Wege und Zugänge zu Gott. Der Dialog soll Geringschätzungen und Abgrenzungen gegenüber den anderen überwinden; die gegenseitige Hochachtung entwickeln, die auch ein von einander lernen ermöglicht. Gleichwertigkeit, da sein für einander und kooperatives Handeln ist das Ziel des Dialoges.
In der Zeit, in der wir uns darüber die Köpfe zerbrechen, an welchen Gott der andere glaubt, wird Gottes Schöpfung für die materiellen Interessen zerstört. Am Ende sind wir alle betroffen, wenn diese Beeinträchtigungen Naturkatastrophen hervorbringen. Dann hilft nur die gegenseitige Unterstützung und Hilfestellung. Da wird auch die „Gottesvorstellung“ kein Thema sein! Hauptsache, es ist ein Gott da, der allen hilft!
Mit einem Zitat von Saadi, einem iranischen Dichter des 13. Jhs möchte ich abschließen: „Alle Menschen sind Teil des Ganzen, da sie den gleichen Ursprung haben. Ihre Gemeinschaften können nicht unabhängig voneinander existieren. Diese Weisheit hat Saadi in einem Gedicht folgendermaßen formuliert: „die Menschen sind wie die Glieder eines Körpers, wenn ein Glied krank ist, schmerzt es dem ganzen Körper.“
Hinweis auf den offenen Brief und Aufruf von religiösen Führern der Muslime an die religiösen Führer des Christentums:
Ein Offener Brief von 138 muslimischen Theologen an Papst Benedikt XVI. und die ganze Christenheit
WÜRZBURG, 17. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine nicht autorisierte Arbeitsübersetzung des offenes Briefs, in dem sich 138 muslimische Theologen mit dem Aufruf zu Frieden und Zusammenarbeit an Papst Benedikt XVI. und hochrangige Vertreter christlicher Kirchen und Glaubensgemeinschaften gerichtet haben (ZENIT berichtete am vergangenen Freitag). Ein Offener Brief und ein Ruf von muslimischen religiösen Führern an: Seine Heiligkeit, Papst Benedikt XVI. Seine All-Heiligkeit, Bartholomaios I., Patriarch von Konstantinopel, Neu-Rom Seine Seligkeit, Theodoros II., Papst und Patriarch von Alexandrien und ganz Afrika Seine Seligkeit, Ignatius IV., Patriarch von Antiochien und dem Nahen Osten Seine Seligkeit, Theophilos III., Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem Seine Seligkeit, Alexij II., Patriarch von Moskau und ganz Russland Seine Seligkeit, Pavle, Patriarch von Belgrad und Serbien Seine Seligkeit, Daniel, Patriarch von Rumänien Seine Seligkeit, Maxim, Patriarch von Bulgarien Seine Seligkeit, Ilia II., Erzbischof von Tiflis und Katholikos-Patriarch von Georgien Seine Seligkeit, Chrisostomos, Erzbischof von Zypern Seine Seligkeit, Christodoulos, Erzbischof von Athen und ganz Griechenland Seine Seligkeit, Sawa, Erzbischof von Warschau und ganz Polen Seine Seligkeit, Anastasios, Erzbischof von Tyrana und ganz Albanien Seine Seligkeit, Christoforos, Metropolitan-Erzbischof von Tschechien und der Slowakischen Republik Seine Heiligkeit, Papst Schenuda III., Papst von Alexandrien und Patriarch von Ganz Afrika des Stuhles vom Heiligen Markus Seine Seligkeit, Kaerikin II., Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier Seine Seligkeit Ignatius Zakka I., Patriarch der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien Seine Heiligkeit, Mar Thomas Didymos I., Metropolit der Malankara Orthodox-Syrischen Kirche Seine Heiligkeit, Abune Paulos, Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo Kirche Seine Seligkeit Mar Dinkha IV., Katholikos-Patriarch der Heiligen Katholischen Apostolischen Assyrischen Kirche des Ostens Reverend Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury Reverend Mark S. Hanson, Vorsitzender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika Reverend George H. Freeman, Generalsekretär des Weltrates der Methodisten Reverend David Coffey, Präsident der Weltallianz der Baptisten Reverend Setri Nyomi, Generalsekretär der Weltallianz der Reformierten Kirchen Reverend Dr. Samuel Kobia, Generalsekretär des Weltrates der Kirchen und alle Führer von christlichen Kirchen in der ganzen Welt
Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Gnädigen Ein gemeinsames Wort zwischen uns und Ihnen (Zusammenfassung und Kurzfassung)
Muslime und Christen gemeinsam stellen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Ohne Frieden zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften kann es keinen wirklichen Frieden in der Welt geben. Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab. Die Basis für diesen Frieden und dieses gegenseitige Verständnis ist bereits gegeben. Sie ist Teil der Grundprinzipien beider Glaubensüberzeugungen: Liebe den einen Gott und liebe deinen Nächsten. Diese Prinzipien finden sich immer wieder in den heiligen Texten des Islam und des Christentums. Die Einzigkeit Gottes, die Notwendigkeit, ihn zu lieben und die Notwendigkeit der Liebe zum Nächsten ist daher eine gemeinsame Basis für den Islam und das Christentum. Die folgenden Zitate sind dafür einige Beispiele:
Zum Thema Einzigkeit Gottes sagt Gott im Heiligen Koran: „Er ist Allah, der Einzige; Allah, der Unabhängige und von allen Angeflehte.“ (Reinheit des Vertrauens, 112:1–2) Zum Thema Liebe zu Gott, sagt Gott im Heiligen Koran: „So gedenke des Namens deines Herrn und weihe dich Ihm ausschließlich.“ (Der in Gewänder Gekleidete, 73:8) Zum Thema Nächstenliebe sagt der Prophet Mohammed: „Niemand von euch hat den Glauben, es sei denn ihr liebt euren Nächsten mit derselben Liebe, mit der ihr euch selbst liebt.“
Im Neuen Testament sagt Jesus Christus: „Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden. (Markus 12, 29–31)
Im Heiligen Koran fordert der Allerhöchste Gott die Muslime auf, den folgenden Aufruf an die Christen (und die Juden – das Volk der Bibel) zu richten: Sprich: „O Volk der Schrift (Bibel), kommt herbei zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch: dass wir keinen anbeten denn Allah und dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen und dass nicht die einen unter uns die anderen zu Herren nehmen statt Allah.“ Doch wenn sie sich abkehren, dann sprecht: „Bezeugt, dass wir uns (Gott) ergeben haben.“ (Das Sippe Imrams, 3:64)
Die Worte „und dass wir Ihm keinen Nebenbuhler zur Seite stellen“ beziehen sich auf die Einzigkeit Gottes und die Worte: „dass wir keinen anbeten denn Allah“ bedeuten, dass man sich völlig Gott widmet. Also beziehen sie sich alle auf das älteste und größte Gebot. Nach einem der ältesten und wichtigsten Kommentare des Heiligen Korans sind die Worte „niemand von uns soll einen anderen Gott neben sich haben“ so zu verstehen, dass „niemand einem anderen gehorchen soll, wenn dessen Befehle im Gegensatz zu Gottes Anordnungen stehen“. Dies bezieht sich auf das Zweite Gebot, weil Gerechtigkeit und Religionsfreiheit ein essenzieller Teil der Nächstenliebe sind. Im Gehorsam gegenüber dem Heiligen Koran laden wir als Muslime die Christen ein, mit uns auf der Basis dessen, was uns gemeinsam ist, zusammenzukommen, nämlich auf der Basis dessen, was für unser beider Glauben und Praxis essenziell ist: die beiden Gebote der Liebe.
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